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Donnerstag, 24. Juli 2014

Ganz einfach?

Gepostet durch Admin am Samstag, 17. Oktober, 2009

“Der neue grüne Deal” (the green new deal) ist der Name für das vielversprechende Wundermittel für die Lösung der drückenden Probleme aus dem Krisen Trio-Pack: schmelzende Märkte, schmelzende Eiskappen und schmelzende Ölreserven. Drei Fliegen auf einen Streich!

Die Welt beschreitet den elektrischen Pfad mit Wind- und Sonnenstrom aus mächtigen Produktionsanlagen irgendwo in der Wüste oder vor der Küste. Amerika sucht nach Privatunternehmen als investierende Vertragspartner für den Aufbau ihres zukünftigen “intelligenten Stromnetzes”, gerade etwa zu der Zeit wenn GMs Chevrolet Volt 2010 auf die Strassen kommt; die Briten sinnieren über die Mittelbeschaffung durch Ausgabe von öffentlichen Karbon-Anleihen für die Windfarmen, die sie gerne vor der Küste aufbauen würden und die deutsche Regierung schüttet 170 Millionen Euro in die Forschung zur Entwicklung ihrer eigenen Batterien für die neue Generation von Elektrofahrzeugen, von welchen eine Million bis 2020 auf Deutschlands Strassen verkehren sollen. “Es ist wichtig, dass wir eine hoffentlich abnehmende Abhängigkeit von Ölimporten damit koppeln, dass wir nicht plötzlich von Batterie-Importen abhänging werden”, sagt der Deutsche Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

“Energie Unhabhängikeit” ist ein Argument, welches häufig von den Politischen Vertretern des neuen grünen Handels angeführt wird. Doch dann scheint die Vision von Desertec’s gewaltiger Sonnen- und Windstrom Anlage in der Wüste Nordafrikas und des Mittleren Ostens mit Kabelzuleitungen zu Europas Verbrauchern genau diese Idee zu verletzen. Es existiert eine beträchtliche Verwundbarkeit von transkontinentalen Kabeln, Leitungen und Masten gegenüber Erpressung oder Sabotage – es bräuchte nicht wirklich viel, um das Licht auf Europas Nachttischen wirksam auszuknipsen…

Genausowenig sollten wir die Illusion einer baldigen kohlenstoff-freien Welt hegen, weil natürlich, solange es noch einen Tropfen Öl zu pumpen und zu verkaufen gibt, wird dieser in das gegenwärtig bestehende System eingespeist – vermutlich zu rasch steigenden Preisen – niemand wird wohl irgendwas verschenken wollen. Deshalb geht es bei der Diskussion ja auch um Reduktion von Emissionen, Besteuerung von Emissionen und Handel mit Emissionen – und nicht darum, eine schädliche Praxis aufzugeben. “50% – 85% bis 2050″ ist das neuste Gebot das der Prinz von Wales den Weltführern zum Anlass des Kopenhagen Gipfels vorschlägt – dazu hat er sich die Unterstützung von 500 führenden Grossunternehmen aus über 50 Ländern zusichern lassen. Die Rechnung wird von den Konsumenten und von den Ländern bezahlt werden müssen, die sich diese exorbitanten Investitionen “um grün zu werden” nicht leisten können – die Entwicklungsländer. “Nimm’s von den Armen und gib’s den Reichen” ist offensichtlich eine Regel, die weiterhin existieren wird und die durch den Wandel hin zum neuen (aufbereiteten) grünen (mit rosaroter Brille) Deal (Abriss) nicht berührt wird. Natürlich werden die reichen Nationen und ihre Energie-Unternehmen grosszügig den unvermögenden Ländern ihre Hilfe zum Aufbau der notwendigen Infrastruktur anbieten – genauso wie ein mitfühlender Vampir sich zuvorkommend anbietet, Ihnen den Puls zu fühlen.

Es besteht eine ziemliche Eile, all die Vereinbarungen und gesetzlichen Regelungen auf’s Gleis zu bringen (erinnert irgendwie an den Druck bei den Bailout Verhandlungen im amerikanischen Senat). Kein Wunder, wenn selbst der Prinz von Wales darauf beharrt, dass nach 84 Monaten der CO2 Gehalt der Atmosphäre eine Grössenordnung erreicht, die zu irreparablen Schäden führt – der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt (hoffentlich hat er das durchgerechnet und auf Deckung mit seinem oben erwähnten Vorschlag hin überprüft)! Jedermann scheint dem zuzustimmen: Wir müssen die Emissionen zurückschrauben, wir brauchen grüne Energie, wir brauchen Arbeitsplätze, wir brauchen Märkte, wir benötigen Investitionskapital …Wir müssen den Kreis schliessen: Investitionen erschaffen neue Arbeitsplätze, Arbeitsplätze schaffen Einkommen; das Einkommen wird es ermöglichen, das Produzierte zu konsumieren. Diesmal ist es jedoch “kohlenstoffarmer Konsumismus”, der jeden glücklich machen wird – vorallem die Energie Giganten, welche es erfolgreich geschaft haben GROSS (monopolistisch) zu bleiben und gleichzeitig ihre schmutzige fossile gegen eine saubere elektrische Geldmaschine einzutauschen.

Unglücklicherweise ist dieser schöne farbenfrohe Traum geringfügig getrübt durch gewisse Umstände, die ausserhalb der Kontrolle der sehbehinderten Visionäre der verkabelten Kraft liegen: Erstens besteht eine Art interner Konkurrenzkampf zwischen den Öligen und den Nuklearen: Die Atomkraft-Industrie hätte gerne Ihren Teil vom Kuchen und beharrt darauf, dass – abgesehen vom noch zu lösenden Entsorgungsproblem – Nuklearenergie eine sichere, nachhaltige und grüne Energiequelle sei, und dass diese zusammen mit den Wind und Solar Programmen gefördert werden sollte. Es ist eher unwahrschweinlich, dass deren starke Lobby irgenwelchen gesetzlichen Rahmenbedingungen und Verteilmodellen zustimmen wird, wenn diese nicht eine angemessene künftige nukleare Stromerzeugung vorsehen. Zweitens besteht ein grosses Fragezeichen im Zusammenhang mit der Herkunft der Mittel zur Finanzierung des gesamten neuen grünen Deals: unglücklicherweise ist eben erst kürzlich viel von dem dazu so dringend benötigten Geld verdunstet und es ist höchst unwahrscheinlich, dass private Körperschaften ihr verbleibendes Vermögen in neue, unerprobte und risikobehaftete Unternehmungen investieren. Vorallem Grossbritanniens vorgesehenes Modell, sich seine Investitionen in der Grössenordnung von “mehreren zehn Millionen Pfund” durch die Auflage von öffentlichen Anleihen finanzieren zu lassen, muss erst noch eine Realitätsprüfung überstehen. Die britische Regierung wird ihre Vertrauenswürdigkeit in Bezug auf den Umgang mit öffentlichen Geldern nach den kürzlichen Eskapaden mit verschwendeten Steuergeldern erst neu beweisen müssen. Das dritte grössere Hindernis, welches es zu überwinden gilt, ist eher technischer Natur: Während es ohne weiteres machbar ist, Elektrofahrzeuge und Batterien zu produzieren, ist es noch nicht völlig klar, wie der Strom von der Steckdose zum Fahrzeug gelangen soll. Falls Sie über ein Haus mit eigenem Parkplatz oder Garage verfügen, benötigen Sie lediglich ein Verlängerungskabel. Aber was, wenn Sie irgendwo draussen entlang der Strasse parkieren? (Und wie steht es mit Flugzeugen – werden diese ebenfalls elektrisch betrieben werden?)

Wie aufrichtig ist dieser ganze Plan, wie realistisch ist dieser Plan und – wie schnell kann dieser Plan umgesetzt werden und Resultate zeigen? Wird dieser Plan unser Klima, unseren Planeten und uns selber retten? Ich befürchte nicht. Obwohl es sich dabei unbestritten um eine sehr kreative (‘clevere’ wär das richtige Wort) Strategie handelt, scheint sie dennoch ein wenig realitätsfremd. Und das ist das Gefährliche daran. Ich bin keineswegs gegen Wandel oder gegen neue innovative Strategien, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich bin noch nicht einmal gegen das Messen von Kohlenstoff, um die Umweltverschmutzung zu überwachen und zu sanktionieren – aber es sollte Kohlen-MONOXID (nebst Schwefel- und Stickstoffverbindungen und anderen giftigen Dämpfen) sein, um ein echtes Bild über die menschlich erzeugte Verschmutzung zu erhalten (welche übrigens nicht nur aus Luftverschmutzung besteht – denken Sie an die Verkappung von Giftmüll ins Meer oder die Verunreinigung des Bodens mit allerhand giftigen Chemikalien). Und die Massnahmen um grün zu werden und sich in den Einklang mit dem Rythmus der Natur zu begeben sollten dort nicht aufhören. Dies ist erst der Anfang: Wenn die Menschheit (einschliesslich der Wirtschafts-, der politischen, wissenschaftlichen und der Umwelt-Experten) ein wirkliches Interesse daran hat, den Planeten und die darauf lebenden Spezien, unsere eingeschlossen, zu schützen, dann gibt es viel mehr zu tun, als zu verhandeln, flicken, kompensieren, besteuern und traden. Wir müssen unsere Situation ehrlich und grundlegend erfassen, systemische Schwächen und Verhaltensfehler diagnostizieren und zugeben, passende Behandlungen und Lösungen bestimmen und dann auf der Grundlage dieser Erkenntnisse handeln. Um dies zu bewerkstelligen werden wir wohl auf selbstsüchtige wirtschaftliche Interessen verzichten und Ressourcen einer unabhängigen wissenschaftlicheb Körperschaft, welche dieses Attribut verdient, zu Verfügung stellen müssen. Dann brauchen wir uns gegenüber neuartigen Ideen und Vorgehensweisen zu öffnen, ungeachtet der Kosten (Verluste) für die bestehende (Miss-)Wirtschaft. Und schliesslich werden wir uns für das bewährteste Verfahren, Kooperation und Solidarität entscheiden müssen, um unsere Welt wahrhaftig nachhaltig zu erneuern, sodass sie in Harmonie mit der Natur funktioniert und auf das Gemeinwohl für die gesamte Menschheit abzielt.

Ist doch ganz einfach, oder?

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